Damals, als das Moor noch große Teile Norddeutschlandes fest in seiner Hand hatte, begann die Geschichte des toten Baumes. Er war zu Beginn ein ganz normaler Baum, der mit vielen anderen Bäumen auf einer Insel im Moor stand. Menschen konnten das tückische Moor nicht überqueren und so war die Natur lange sich selbst überlassen. Doch als sich eine Gruppe von Hexen und Zauberer gezwungen sah, sich vor den Muggeln zu verstecken, entdeckten sie das kleine Eiland im Moor und machten es bewohnbar. Ein großer Teil der Natur wurde zerstört und viele Bäume wurden gefällt, um die Hütten zu errichten und um das Feuer im Winter schüren zu können. Den größten und stärksten Baum ließen sie stehen. Er sollte als Dorfmittelpunkt dienen und die Naturgeister besänftigen. Um ihn tanzten sie zu den Sonnenwendfeiern und führten Rituale durch, um Schutz vor Geistern und bösen Dämonen zu ersuchen. Tatsächlich blieb diese Insel sehr lange von der übrigen Welt unentdeckt, und Hexen und Zauberer begannen Pflanzen und Tiere zu kultivieren, sowie neue Zauber zu erfinden, die das Leben einfacher machen sollten. Ohne jeden Kontakt zur Außenwelt lebten sie dort ein Jahrhundert lang in Frieden. Doch die Jugend der Gemeinschaft fühlte sich eingeengt und strebte danach, die übrige Welt kennen zu lernen. In einem Sommer legten sie dafür feste Dämme an, die sicher durch das Moor führten und trieben sich in den Nächten der folgenden Monate oft in den umliegenden Muggeldörfern herum. Eine Hungersnot ließ die Muggel in diesem Herbst leiden, doch die jungen Zauberer und Hexen hatten für sie nichts übrig, sie waren in ihren Augen nicht mehr wert als Tiere, denn ihnen war es zu verdanken, dass ihre Eltern in ihrem selbst gewählten Gefängnis lebten. Die Jugendlichen quälten die Muggel, übten verbotene Flüche an Mensch und Tier, oder zerstörten die Erntevorräte. Sie vertrieben etliche Menschen aus ihren Häusern und verstärkten das Leid derer, die blieben. Doch das Gerede der Vertriebenen in den weiter entfernten Städten blieb nicht ungehört. Ein Reisender mit schwarzem, vornehmem Gewand hörte sich die Geschichten an, bevor er die Vertriebenen tötete und seinen Weg in das Moor antrat. Der Reisende, ein Vampir, der von Qualen, Leid und Blut seiner Opfer lebte, war schon wenige Tage später vor Ort und die Muggel, die die jugendlichen Hexen und Zauberer verschont hatten, fielen ihm in den folgenden Tagen zum Opfer, ehe er seinen Weg über den Damm auf die Insel antrat. Obwohl die Insel sehr klein war, gab es für ihn gute Verstecke, und so merkten die Hexen und Zauberer zunächst nichts von ihrem Besucher. Wie eine Seuche erwischte es erst die kleinen Kinder und die Alten, die anfangs immer schwächer wurden und schließlich der seltsamen Krankheit erlagen. Die Gemeinschaft war zusehend beunruhigt und traf sich Abend für Abend am Dorfplatz und versuchte sich an Schutzzaubern, die die unbekannte Krankheit ausmerzen sollten, doch immer mehr Menschen fielen dem Vampir zum Opfer. Es war Wintersonnenwende, die längste Nacht des Jahres. Es war kalt und der Schnee hatte die Insel bedeckt. Die verbliebenen zwölf Hexen und Zauberer versammelten sich wie zu jeder Sonnenwendfeier um ihren Baum, um das Fest zu feiern. Niemandem der Anwesenden war jedoch zum Feiern zumute und so saßen sie meist schweigend beisammen, aßen und tranken gemeinsam und beschränkten die Feierlichkeiten auf das Notwendigste. Der Vampir umkreiste die Gruppe und beäugte sie misstrauisch. Er spürte ihre seelische Qual und ihr Leid, das durch den Tod der vielen Mitmenschen auf ihnen lastete. Er hoffte, dass sie ihre Feier abbrachen und er sie einzeln in ihren Hütten aufsuchen konnte, doch den Gefallen taten sie ihm nicht. Stundenlang harrte er in einer dunklen Ecke aus, betrachtete die freudlosen Tänze um den Baum, sodass er schon fast die Hoffnung verlor, heute Nacht noch erfolgreich zu sein, als sich wider Erwarten eine Hexe aus der Gemeinschaft löste und auf eine der Hütten zuging. Der Vampir schlich ihr nach, doch als er sie berührte, konnte er sie nicht fassen. Die Haut seiner Hand schlug Blasen und schmerzte. Die Frau drehte sich zu ihm um. Das Entsetzen war auf ihrem Gesicht zu sehen, als sie in die blutroten Augen starrte. Doch sie rannte nicht weg. In dieser besonderen Nacht lag ein Zauber auf der magischen Gemeinschaft, den sie heraufbeschworen hatten, um in der dunklen Jahreszeit, Schutz vor Dämonen und Geistern zu erhalten. Dieses Wesen konnte ihnen nichts anhaben, sie mit seinem Charme nicht täuschen und so schubste die Hexe ihn vor sich her. Im Schein der Fackeln angekommen, rappelten sich die verbliebenen Hexen und Zauberer auf um den Eindringling zu umkreisen, ihn in ihre Mitte zu nehmen und so eine Flucht unmöglich zu machen. Der Vampir war gefangen, denn keinem der Umstehenden konnte er Schaden zufügen, ja nicht einmal berühren konnte er sie, ohne sich selbst zu verletzen. Die Gefühle schwenkten von Trauer zu unbändigem Hass, aber keiner richtete einen Zauberstab auf ihn, keiner machte Anstalten ihn zu töten oder unschädlich zu machen. Sie trieben ihn an den Baum und begannen mit unsichtbaren Fäden ein Netz zu spinnen. Gefesselt stand der Vampir da, hilflos sah er dem Tanz der Hexen und Zauberer zu. Ihren Gesängen in einer ihm unbekannten Sprache konnte er nicht folgen. Schneller und immer schneller tanzten die zwölf Verbliebenen um den Baum. Der Blick auf den Gefangenen, auf das Monster, welches das Leid über sie gebracht hatte, verschwamm und jeder verfiel während er die Schutzgesänge an die Naturgeister herunterleierte in einen tranceähnlichen Zustand. Gesang und Tanz wurden nun Ausdruck einer Kraft, die niemand zuvor gespürt hatte und keiner vermochte zu sagen, was in dieser Nacht weiter geschah. Es war schon hell, als die Ersten völlig entkräftet aus diesem Zustand erwachten. Die anderen Dorfbewohner lagen hilflos um den Baum herum. Das Monster jedoch war und blieb spurlos verschwunden. Erst wenige Monate später waren sie sich nicht mehr so sicher, dass sie den Unhold losgeworden waren. Als der Schnee schmolz und alles anfing zu blühen bemerkten sie, dass der Baum, der das Zentrum ihrer Gemeinschaft war, keine Triebe ausbildete. Kein Blatt und keine Blüte zeigten sich, und auch im Sommer blieb der Baum kahl. Stattdessen stellte sich bei den Dorfbewohnern ein seltsames Gefühl ein, wenn sie dem Baum zu nahe kamen. Erst war es ein harmloses Zwicken im Magen, später Unbehagen, und im Laufe der Zeit kam es zu regelrechten Schwächeanfällen. Wieder wurden die Naturgeister angerufen, die ihnen in jener Nacht geholfen hatten den Feind zu bannen. Doch blieb alles Bemühen ohne Erfolg. Der Baum blieb tot und jeder Dorfbewohner musste einen großen Bogen um ihn machen. Als der Herbst Einzug nahm, versuchte ein weither angereister Gelehrter und Zauberer, den Baum mit einem Trank wieder ins Leben zu rufen. Kurz nachdem die ersten Tropfen den Baum berührten, zogen sich seine Wurzeln um die Füße des Zauberers. Der Baum zwang ihn zum Bleiben. Allen Versuchen zum Trotz gegen die Kraft des Baumes anzukommen, waren vergebens und auch die Verteidigungszauber der anderen Anwesenden lösten die Situation nicht. Die Lebensenergie verließ den Körper des Zauberers, der immer schwächer wurde und erst als er leblos zu Boden sank, er seinen letzen Atemzug getan hatte, gaben die Wurzeln ihn frei. Die Dorfbewohner waren entsetzt über die Macht des Baumes und versuchten ihn zu fällen, ihn auszugraben oder ihn durch diverse Tränke unschädlich zu machen, doch jeder, der dies versuchte, bezahlte dafür mit seinem Leben. Das Dorf wurde im folgenden Frühjahr aufgegeben, der Damm zur Insel zerstört und der tote Baum geriet in Vergessenheit. Viele Jahre strichen ins Land, bis die Muggel begannen, das Moor trocken zu legen. Es dauerte nicht lange, bis sie die verlassene Insel fanden, doch erst nachdem mehrere Muggel am Baum den Tod fanden, ließ das Zaubereiministerium den Baum mit Muggelabwehrzaubern schützen. Schon wenige Jahre später siedelten sich vereinzelt Hexen und Zauberer in der Nähe des Baumes an. Sie wussten um die mörderische Geschichte des Baumes und mieden ihn. Sollten sie dem Baum doch zu nahe kommen, gab es inzwischen gute Abwehrzauber, die den Baum zwangen sein Opfer vorzeitig und lediglich geschwächt, wieder freizugeben. Seitdem kam es nur noch selten zu nennenswerten Todesfällen. Heute steht der tote Baum auf dem Schulhof der Johann-Weyer-Akademie und ist mit einer Absperrung versehen, die verhindern soll, dass man ihm zu Nahe kommt. Seine zerstörerischen Kräfte sind so stark wie vom ersten Tag an und der Geist des Vampirs wird auf ewig in dem Baum leben, unsterblich und unendlich die Lebensenergie seiner Umwelt rauben.   geschrieben von Altron   Mit freundlicher Erlaubnis von Altron und Kaba. http://www.brüll.de/projekte/de/magbaum/index.html