Es war einmal vor langer Zeit eine junge Hexe, namens Asrael, deren Glück sie gänzlich zu verlassen schien. Früh verlor sie ihre Eltern und wuchs unter der Obhut ihres großen Bruders auf. Dieser war ein stattlicher Zauberer, dessen magische Fähigkeiten unerschöpflich schienen. Asrael dagegen war weit weniger begabt, was sie auch versuchte, es wollte ihr nicht so recht gelingen. Einen Squib, so nannten sie die anderen Magier in ihrem Dorf. Ihr Bruder unterstütze sie nicht, sondern erklärte ihr eines Tages, dass ein Squib ein Magier wäre, der nicht zaubern könnte. Asrael aber konnte zaubern - nur war ihr Talent nicht sehr stark ausgeprägt und auch leichte Zaubersprüche fielen ihr schwer. Immer öfter zog sich die junge Hexe von den anderen zurück bis eines Tages ein Brief ihr Leben verändern sollte. Es war die erste Stunde ihres siebzehnten Geburtstags. Zuerst leise, dann immer bestimmter klopfte jemand an ihre Zimmertür. Verschlafen öffnete sie diese und sah ihren Bruder, der sie schadenfroh angrinste. In seinen Händen hielt er allerlei Zauberersachen, unter anderem ein Kerzenleuchter, ein Besen, ein alter Zauberhut und ein verbeulter Teekessel. Wortlos ließ er die Dinge auf Asraels Fußboden fallen und ohne sie eines zweiten Blickes zu würdigen, drehte er auf dem Absatz um und ließ sie alleine im Türrahmen stehen. Für einen Moment wollte sie ihm nachlaufen, drehte sich dann aber ebenfalls um und verschloss die Tür zu ihrem kleinen Reich. Lange Zeit starrte sie gedankenverloren aus dem Fenster und dachte darüber nach, dieser ganzen verdammten Magiergesellschaft den Rücken zuzudrehen, tief traurig wendete sie sich nach einiger Zeit ihren „Geschenken“ zu. Am Kerzenleuchter war ein Stück altes Pergament befestigt. Sie erkannte die Handschrift nicht, es war jedenfalls nicht die ihres Bruders. Liebe Asrael, heute ist der Tag an dem du zu den Erwachsenen gehörst. Ich weiß, dass es schwer für dich gewesen sein muss, ohne deine Eltern aufzuwachsen und keine richtige magische Ausbildung zu erhalten. Diese Dinge sind alles Nachlässe deiner Familie, ich habe ihnen versprochen sie für dich aufzubewahren und wenn die Zeit gekommen ist, sie dir auszuhändigen. Oft habe ich dich beobachtet und ich sehe in dir deine Mutter, auch sie hatte anfangs Schwierigkeiten mit ihrer Gabe. Und ich bin mir sicher, dass du genau wie sie eine hervorragende Hexe werden wirst. Glaub an dich und höre nicht auf die Worte der anderen. Du bist etwas ganz besonderes und du wirst großartiges vollbringen, du wirst sehen. Sei vorsichtig mit deinem Erbe und gehe damit verantwortungsbewusst um. Ein Freund Wieder und wieder las sie die Zeilen des Fremden, bis sie den Text fast auswendig kannte. Es war schon sehr spät, als sie zum ersten Mal wieder bewusst die Turmuhr im Ort schlagen hörte. Eigentlich war sie müde, aber die Worte ließen ihr keine Ruhe und somit begann sie damit, sich jeden der Gegenstände genauer anzusehen. Auf den ersten Blick schienen sie nichts besonderes zu sein. Der Kerzenleuchter war alt, zerkratzt und voller Wachs. Der Besen war vom Wurm zerfressen und eignete sich wahrscheinlich nicht einmal mehr zum kehren, fliegen konnte man ihn wegen den kaum vorhandenen Borsten  auf keinen Fall. Der Zauberhut war der ihres Vaters. Sie kannte alte Bilder auf dem er ihn getragen hatte, aber auch hier hatten die Motten eine ordentliche Leistung vollbracht. Sie hatte gehofft, dass irgendwas aus dem Nachlass von Nutzen war oder sich eine Sache als etwas Besonderes entpuppte. Doch bei näherer Betrachtung war nichts von Wert darunter. Enttäuscht über die nicht erfüllten Erwartungen, die der Brief in ihr hervorgerufen hatte, warf sie den Geschenken einen düsteren Blick zu und wollte gerade unter ihre Bettdecke schlüpfen, als ein leises Geräusch plötzlich ihre Aufmerksamkeit erregte.  Es kam aus dem Stapel mit dem alten Plunder. Erst nur sehr leise - fast nicht hörbar, dann aber immer lauter. Es klang wie ein Herzschlag. Vorsichtig drehte sie sich um und betrachtete jeden Gegenstand erneut, auch die, die sie zuvor kaum beachtet hatte; den von Mäusen angenagten Umhang, ein angelaufenes Silbermesser, den zerbeulten Teekessel. Die Gewissheit kam so plötzlich, dass sie erschrocken zusammenzuckte. Das Geräusch kam aus dem Inneren des Teekessels. Langsam, als wenn sie sich einem wildem Nundu nähern würde ging sie auf ihn zu. Sie hatte Angst heraus zu finden, was dieses Geräusch auslöste, wusste aber, dass sie keinen Schlaf finden würde, sollte sie ihrer aufkommenden Neugier jetzt nicht nachkommen. Wie gesteuert streckte sie ihre Hände nach ihm aus und hob ihn vorsichtig hoch. Sie betrachtete die Verzierungen und jede einzelne Beule. Der Herzschlag war nun nicht mehr zu überhören und sogar spürbar, wenn sie die Hand auf den Kessel legte. Zögernd griff sie nach dem Deckel, doch sie versuchte erst gar nicht ihn zu öffnen. Instinktiv wusste sie, dass was immer darin war, magisch darin festgehalten wurde.  Die Worte die aus ihrem Mund kamen, waren zittrig, aber dennoch stark. „Ich öffne diese Pforte aus meinem eignen freien Willen!“ Ein Lichtblitz durchzuckte die dunkle Nacht. Der Kessel fiel laut auf den Boden und Asrael versuchte ihre Augen vor dem plötzlichen Lichtstrahl zu schützen und kauerte sich erschrocken vor ihr Bett.  Vor Asrael stand ein riesiger Dschinn. Zwei Hörner und lange spitze Ohren konnte man durch seine wilde Mähne erkennen. Obwohl dieses Wesen bedrohlich aussah, verspürte sie keinerlei Angst vor ihm. Schweigend standen die beiden sich gegenüber, bis der Dschinn vor ihr auf die Knie fiel und das Wort ergriff: „Ich stehe seit tausenden von Jahren der Familie Elanews treu zur Seite und nun knie ich vor meiner neuen Herrin, um ihr zu dienen. Nennt mir Euer Begehr und ich werde es für Euch tun.“ Ein bösartiges Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, sie wusste was nun zu tun war. „Töte sie alle.“ Sie zeigte mit ihren Fingern zu dem kleinen Magierdorf, dass sich am Fuße des Berges in der Dunkelheit präsentierte. „Sie haben mir sehr weh getan. Lass niemanden überleben. Lass sie den Schmerz spüren, denn ich gespürt habe. Nie wieder soll sich hier ein Magier ansiedeln dürfen. Vertreibe Sie oder töte sie, wenn du kannst.“ So geschah es. In der Nacht löschte der Dschinn auf den Wunsch seiner Herrin, das gesamte Dorf aus. Nur wenige konnten auf ihren Besen fliehen und verbreiteten die Geschichte von einem Monster, dass sich dort niedergelassen hatte. Viele Jahre lang wagte keine Zaubererseele das Dorf zu betreten indem Asrael an ihrem siebzehnten Geburtstag das verhängnisvolle Geschenk von einem Fremden bekam. Niemand war in der Lage ihrer Schreckensherrschaft Einhalt zu gebieten. Viele tapfere Magier versuchten ihr Glück, dass alte Dorf von dem Monster zu befreien, aber niemand verließ das Dorf lebend. Eines Tages schritt ein in Lumpen gekleideter Magier über die unsichtbare Grenze in das Dorf. Seine Kapuze war tief ins Gesicht gezogen und wie viele andere vor ihm trat er vor das Herrenhaus der Familie Elanews. Er wusste das seine Ankunft nicht unbemerkt geblieben war und kaum hatte er das Grundstück des Herrenhauses betreten färbte sich der graue Himmel in ein tiefes Schwarz. Der riesige Dämon baute sich vor dem Fremden auf „Du wagst es dieses Land zu betreten? Nenne mir einen Grunde weshalb ich dich verschonen sollte?“ „Ich komme um mit deiner Herrin zu sprechen“, sprach der Fremde wohlbedacht. Seine Stimme ließ darauf schließen, dass er bereits sehr alt war. Noch bevor der Dämon etwas erwidern konnte, trat eine schwarz gekleidete Frau aus der Tür. Asraels Augen wirkten schwarz und ihr Glanz ließ einem das Blut in den Adern gefrieren. „Sprich schnell Fremder, bevor ich dich deinem Schicksal überlasse“, forderte sie ihn auf, „Ich habe nicht ewig Zeit“. Sie zischte mehr als das sie sprach und in ihrer Stimme lag keine Gnade. Doch der Fremde wich nicht vor ihr zurück. „Ich bin gekommen, um dich zu vernichten Asrael.“ Ihre Antwort war ein kaltes Lachen. Der Fremde hielt den Kopf gesenkt und sprach mit einer Bestimmtheit, dass man glauben konnte, er sei verrückt sich gegen eine Hexe zu behaupten, deren Dämon einer der mächtigsten war, der jemals existierte. „Dschinn... du dienst der Familie Elanews seit tausenden von Jahren. Hör mir zu, ich befehle dir, Asrael zu töten.“ Der Dschinn blieb wie angewurzelt in der Bewegung stehen, die er gerade auf ihn zugemacht hatte, um Asraels Befehl  zu folgen. Totenstille herrschte und der Dämon drehte  sich langsam zu seiner Herrin um. Asrael lachte hysterisch. „Du bist doch verrückt. Er würde niemals auf dich...“ Das letzte was sie von der Welt sah, waren die Augen des Magiers, als dieser, seine Kapuze vom Haupt nahm. Das Lächeln auf ihrem Gesicht gefror, als sie ihren Bruder erkannte. Stumme Tränen rollten über sein Gesicht als er seine tote Schwester in seinen Armen hielt. „Dschinn, ich befehle dir mir in den Wald zu folgen.“ Schweigend folgte der Dämon diesem Befehl. Als sie an eine kleine Lichtung gelangten, deutete der Magier auf einen Baumstumpf. „Ich befehle dir dich dort niederzulassen.“ Auch dieser Aufforderung folgte der Dschinn ohne Widerrede. Mit ein paar Schwenkern mit seinem Zauberstab und fremd klingenden Worten beschwor der Magier ein Seil herauf, dass mehrere hundert Meter lang war. Er band dem Dämon das eine Ende um die Hüfte und das andere Ende ließ er achtlos auf dem Boden liegen. „Du hast hunderte von Menschen getötet. Ich kann dich nicht töten, auch wenn ich es noch so sehr wollte. Aber ich habe lange an diesem Zauber gearbeitet und bin um die halbe Welt gereist, damit ich ihn zu beherrschen weiß. Ich werde in das Seil für jede Tat die du, im Auftrag meiner Schwester, vollbracht hast, einen Knoten setzen und du wirst solange in diesem Wald gefangen sein, bis du für deine Taten gebüßt hast.“ Und so war es dann auch, gefesselt mit einem Seil, in das hunderte von Knoten, geknüpft waren, die nur durch gute Taten geöffnet werden konnten, überließ der Magier dem Dschinn seinem Schicksal. Verzweifelt versuchte dieser die Knoten eigenständig aufzubekommen, doch weder seine Hände, noch die Zähne, mit denen er versuchte das Seit durchzubeißen, noch seine Magie konnten auch nur einen Knoten lösen. Er ist gezwungen, den Befehl seines Meisters zu folgen, auch wenn dieser schon kurz darauf verstarb. Erst wenn der letzte Knoten geöffnet wird, kann der Dschinn wieder freikommen und dem alten Befehl seiner Herrin nachkommen. Und wenn er nicht gestorben ist, dann sitzt er da noch immer und versucht sich aus dem Seil zu befreien. ** The End ** Geschrieben von Cathrin Eder